1. Die Dose
Georges Perec schildert in seinem Roman "Das Leben. Gebrauchsanweisung" neben vielen Details eines Pariser Mietshauses eine Szene mit einer runden, bunten Käseschachtel, die auf einem Tisch liegt und drei Mönche abgebildet zeigt, die um einen Tisch herum stehen und auf eine daraufliegende Käseschachtel deuten, auf der wiederum drei Mönche zu sehen sind und so weiter ad infinitum…
Ironisiert und zum manieristischen Kunstwerk gesteigert tritt dieses Bild-im-Bild im Werbedesign eines Produktes auf, das fest mit unserem täglichen Leben verbunden ist. Camembert. Auch wenn die allgegenwärtigen Schachteln mit den Mönchskonterfeis nicht immer Camembert, sondern irgendeinen Weichkäse enthalten sollten, so ist doch Camembert gemeint. Selbst wenn nur Käse gemeint sein sollte, so ist doch damit die Dreieinigkeit von Rotwein, Käse und Weißbrot angesprochen, die hierzulande als typisch Französisch gelten.
Während Rotwein und Weißbrot fast von allein auf ihren religiösen Zusammenhang hinweisen, wird im Falle der Weichkäse die Assoziation erst durch das Bild des Mönchs hervorgerufen. Doch hat die Verwendung dieses Motives kaum in erster Linie die Aufgabe, den betreffenden Käse in irgendeinen religiösen Sinn einzubetten. Es ist zunächst einmal die Wahl eines sonst selten verwendeten und daher auffälligen Bildes. Die runde Schachtel, das Motiv und die aufdringliche Farbgebung in leuchtendem Gelb, Grün, Braun und Blau garantieren die leichte Wieder-Erkennbarkeit der Ware. Über das reine Markenzeichen hinaus handelt es sich beim Bild des Mönches um ein bewußt gesetztes Signal, das uns mehr zu sagen hat, als es auf den ersten Blick erkennen läßt. Die Signalwirkung der Schachtel korrespondiert mit der vermuteten Käufermotivation nach dieser oder jener Ware zu greifen. Ihr Zusammenwirken ist jedoch nur möglich vor dem Hintergrund eines schon vorhandenen, umfassenden Bildkontextes, der beide, Käufer und Bild, miteinander verbindet und den Sinn des Mönches auf französischen Weichkäseschachteln für deutsche Käufer herstellt.
2. Der Käse
Unabhängig vom Bildmotiv bedeutet der Griff naoh dem Camembert den Griff nach typisch französischem Käse, darüber hinaus den Versuch, sich in einem Griff ein Stück französisoher Lebensart einzuverleiben. Das als das Französische und die französische Lebensart Angesehene aber ist in Deutschland einer stets schwankenden Aufnahmebereitschaft und Wertung ausgesetzt. Aus dem Kultus der kleinen Differenzen entspringen wechselseitig chauvinistisoher Haß und euphorische Begeisterung für das jeweilig Andere. In diese Polarität der Anschauungen vom Französischen ist auch der harmlose Kunde gefangen; der Blick auf vergleichbare deutsche Erzeugnisse beweist, dass er sich zu entscheiden hat:
Zwischen der Leichtfertigkeit des gallischen esprit und der Tiefe des deutschen Geistes. Da lächelt uns von der Schachtel für französischen Weichkäse ein feister Abbé enteegen, der uns deutlich zu verstehen gibt, dass er nicht nur diesen Käse, sondern das ganze Leben zu genießen versteht. Auf der Schachtel des deutschen Camembert dagegen wandelt das scheue Rotkäppchen traulich durch den deutschen Märchenwald; getreu der elterlichen Weisung trägt es der Großmutter ihren Korb zu. Und der pflichtgetreue Förster hat den Wolf schon längst erledigt, so kann Rotkäppohen unterwegs noch das "Edelweiß" pflücken, das am "Karwendel" nebenan in der Auslage prangt. Welche Verwurzelung im tiefsten Urgrund deutschen Wesens. Dagegen sind Goethes Mütter doch ein Pappenstiel!
Der Griff nach dem Käse ist also nicht nur Ausdruck des Hungers, oder eleganter, des Appetites, sondern er ist ein Bekenntnis. Er ist das Bekenntnis zu einem bestimmten, nämlich dem besonderen Geschmack, ist ein Sich-Entscheiden für eine bestimmte Lebensart und das Abgrenzen von einer Anderen. Es ist ein Akt, der das Subjekt in seinem Wert bezeichnen soll.
In unserem Fall ist dieser Wert als Geschmack oder Stil käu(f)lich zu erwerben. Nach der Devise bürgerlicher Ökonomie, dass nichts sei, was sich nicht verkaufen oder kaufen ließe, steht hier ein Stück fremder Kultur, die stets nur als Lebensart gefasst wird, zum Kauf an. Allerdings nur in Gestalt ihres Surrogates, als Attitüde.
In gewisser Weise ähnelt dies den Ritualen der Kopfjagd und des Kannibalismus, denen zufolge die auf der Jagt erbeuteten Stücke der Anderen verzehrt werden müssen, damit die Qualitäten ihres AndersSeins körperlich und dadurch geistig assimiliert werden können.
Jedoch läßt die rituelle Kopfjagt, sei sie gleich eine Fiktion der Etnologen, den aufgeklärten Aberglauben des Kaufens in der Geschlossenheit der Weltvorstellung als Wirklichkeit weit hinter sich zurück. Denn der Versuch, die französische Lebensart als Käsestück zu absorbieren, verurteilt den Käufer zur Rolle des isolierten Fressers. Den Status, den er sich durch den Kauf selbst zuerteilt hat, muß er auch in Genuß allein vor sich selbst repräsentieren. Er sitzt außerhalb der Geweinschaft des Rituales, die Gemeinde der Gläubigen hat sich in anonyme Käufermasse verwandelt. Und die Chance, diese Einsamkeit des Genießens der Umdeutung zu unterziehen und im positiven Wert der individuellen Lebensart aufzuheben, wird durch den offenkundig industriellen Charakter des Produktes sofort wieder erstickt. Sowenig wie die Isolation des Einzelnen der freiwilligen Wahl entspringt, die sie vorgibt zu sein. sowenig wird der Eindruck des sorgfältig Handwerklichen, den unser Käse verbreitet, aus seiner Geschichte bestätigt.
3. Die Mönche
Hier ergeben sich Anschlußstellen, von denen ausgehend wir zu einer Deutung der Mönchsbildnisse gelangen können. Es ist die Rolle, welche die Mönche als Vertreter der Kirche spielen, die sie zu ihrer Bildverwendung führen. Zweck aller Riten ist die (Wieder-)herstellung der Gemeinschaft. Käsekauf und Verzehr bleiben ohne einen kompetenten Vermittler nur das untauglj.che Gerüst eines Ritus. Erst die Figur des Mönches stellt sowohl den Gegenstand, den er bezeichnet, als auch den Käufer in ejne gemeinsame Reihe.
Vordergründig mag das die Gemeinschaft sinnenfroher Klosterbrüder sein, die herrlich und in Freuden zu leben wissen und die der Käufer, die eingeladen sind, es jhnen gleich zu tun. Natürlich nur mit diesem Käse, versteht sich.
Vor allem aber ist es die große allumfassende, wenngleich fiktive, Gemeinschaft der Geschichte. Nicht die widersprüchlich komplexe Geschichte der Wirklichkeit, sondern die reduzierte Geschichte der Ideologie.
Die sich uns in immer neuen Variationen als Mönchsgestalten aufdrängen, sind lediglich Stereotype des Mönchsein, quasi Mönche an sich. Wenn sie auch manchmal definierbare Habite oder Ordensnamen tragen, sollen sie uns doch weder präzise historische Information vermitteln, noch Klares über das Produkt aussagen, das sie preisen.
Nur der trübe Strom der Assoziation geschichtlicher Ereignisse wird in uns geweckt, durch die Käse und Mönch - irgendwie - zusammengebracht werden. Indem der Mönch seinem Käse die historisohe Tiefenunschärfe verleiht, wird Geschichte schlechthin zum Gütesiegel.
Diffuse Vorstellung vom Mönchtum als Bringer und Bewahrer europäischer Kultur werden beschworen, um die Tradition für die Kontinuität angeblich hoher Qualität verantwortlich machen zu können.
Die Nahrungsmittel-Industrie nutzt in ihrem Design immer wieder die Verwandlung von Überlieferung in Stetigkeit der Werte. In der häufigen Verwendung feudaler und religiöser Attribute kommt zu dem die Gleichsetzung von privilegierter sozialer Position und besonderer Qualität zum Ausdruck. So findet der Wunsch nach dem Außerordentlichen im Design der Ware mehrfache Bestätigung.
Deutsche Brauereien werben mit ihrem Ursprung als Klosterbrauerei, Klosterbier wird nooh immer gebraut und die Etiketten etlicher Sekt- und Weinsorten zeigen fröhlich ,zechende Klosterbrüder. Wieder wird die Einbettung der Waren in die große Familie der abendländischen Kultur beschworen. Fest ist der Mönch mit Bier, Wein und Käse verbunden.
Ein Pfeife oder Zigarrette rauchender Bruder oder aber einer, der Tee oder Kaffee trinkt, sind fast unvorstellbar. Diese weltlicheren Handlungen sind den ebenso weltlichen Gestalten des Seemann und des Muselmanen vorbehalten. Das liegt sicher nicht nur an dem Mangel jahrtausendealter Bodenständigkeit von Tabak, Tee oder Kaffee, der sich in der Unrast des Seemanns und der Exotik des Muselmannen widerspiegelt. Die Unterscheidung ist auch in dem stets etwas besinnlichen Ernst begründet, mit dem die Handlungen des Rauchens, Tee- und Kaffeetrinkens vorgetragen werden.
Dieser Ernst steht zu sehr in Widerspruch zu dem, was die Mönche sichtbar beim Bier- und Weintrinken verspüren, zu Lebensfreude durch Sinnenlüste, die hier natürlich nur oraler Art sein können. Diese sinnenfrohe Lebenslust, die auf unzahligen Öldrucken von unzähligen Gasthauswänden herab die ansteckende Fröhlichkeit der trinkenden Brüder vermittelt, scheint fast in Gesang ausbrechen zu wollen. Bei den Käse-Mönchen allerdings ist sie in der Vor-Lust stecken geblieben. Was sie uns mitzuteilen haben, ist erst die Vorfreude auf den eigentlichen Genuß.
4. Das Bild
Hinter der Einsetzung der Figur 'Mönch' als Experte für orale Genüsse steht natürlich die Überlieferung vom Mönch als Fresser und Schwelger. Darin ist nicht nur der Widerspruch mit dem historischen Anspruch auf Askese und Mission aufgehoben, sondern auch die populäre Vermutung von der Kompensation des unbefriedigten sexuellen Trieblebens durch Prasserei versteckt. Daß sich die Mönche dabei zu Bier und Wein ausgerechnet den Käse als Lustobjekt für ihre Exzesse erwählen, ist nicht nur kein Widerspruch, sondern Beweis für deren kulinarische Raffinesse.
Bringen wir diese dem Mönchtum unterstellte, in unserem Fall sogar verzögerte, Kompensation der Sexualität auf der B ildseite mit der Kompensation des Seins durch Haben, mit der Beschönigung des gesellschaftlichen Seins durch den Schein auf der Betrachterseite in Verbindung, so erscheint das Bild vom Mönch seltsam angemessen.
Die Art der Darstellung bestätigt unsere Deutung, ja macht sich die Klischees zunutze und überzeichnet deren Folgen:
Fast ausnahmslos sind die Mönche auf Käsedeckeln bartlos und feist gezeichnet, wodurch sie als geistliche Lebemänner charakterisiert werden können. Ihre Psychologie, das Empfinden des guten Geschmackes lassen sie durch ihre physischen Leistungen und Eigenarten erkennen. Mit runden Wurstfingern machen sie bekräftigende Gesten, lecken sich ihre Wulstlippen und mit ihren Froschaugen blicken sie entweder lüstern auf den Käse oder verdrehen ihre Augen verzückt gen Himmel.
In extremen Fällen greifen die Werbebüros der Käsereien sogar zu kaum verhüllten Anspielungen des Sadismus. Triumphierend hält der Mönch den messerdurchbohrten Käse empor und zeigt ihn, gleich einer Reliquie, dem erschreckten Betrachter. Diese Geste läßt den Schluß auf die Art der Verwandlung zu, die wie in jedem Ritus, so auch hier zu finden ist. Es ist die Verwandlung des weißen Käses in die Hostie. Dem Kunden wird beim Kauf eine Kommunion in Aussicht gestellt, die er beim Verzehr selbst vollziehen darf.
Bei der Profanierung und Trivialisierung der religiösen Attribute und sogar des Heiligsten selbst findet eine Heiligung des
Käufers und seiner Kaufhandlung statt. Die Verwandlung der Ware in den Leib Gottes, die hier angedeutet ist,
weist auf die Selbstheiligung des gesamten Warenverkehrs hin, der sich die religiösen Dinge und die Religion aneignet,
um diesen erst durch sich selbst die eigentliche Weihe zu geben.